Holocaust-Gedenktag 2020

Auschwitz Child Survivor Eva Szepesi Ehrengast am OGT

 

Es ist der 27. Februar 2020, ein Tag der vielen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und auch Gästen des OGTs sehr nahe ging. Denn heute begrüßten wir einen ganz besonderen Gast an unserer Schule. Éva Szepesi, heute 87 Jahre alt, erzählte eine Geschichte, wie Glück in einer grausamen Zeit Leben rettete. Es ist die Geschichte ihres Lebens und ihres Überlebens im größten Konzentrations- und Vernichtungslagers der Nazizeit – ihr Überleben in Auschwitz.

Unsere Ehrengäste, die Auschwitzüberlebende Eva Szepesi und Pastor Volker Schauer
 

Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr hatte Frau Szepesi eine schöne Kindheit mit ihren Eltern und ihrem Bruder in der Nähe von Budapest. Ihr Vater besaß ein Geschäft für Herrenmode, zu der Zeit grüßten die Besitzer aller umliegenden Geschäfte die Familie noch. Die Familie Diamond – Frau Szepesis Mädchenname – war hochgeachtet. Dies sollte sich jedoch bald ändern.
Nach einem ersten Vorfall, bei dem Mitschüler dem achtjährigen Mädchen schreckliche antisemitische Drohungen an den Kopf warfen, war es der ruhige, zurückhaltende Vater, der der jungen Eva erklärte, wie Antisemitismus entsteht: „Jemand hat sie gegen uns aufgehetzt. Sie tragen keine Schuld“, zitiert Frau Szepesi aus ihrem Buch.
Bald darauf wurde der Familienvater in den Arbeitsdienst einberufen. Zur Unterstützung der Mutter kam Evas Tante aus der Slowakei zu Besuch. Erst als Eva und ihre Tante Piri sich mit gefälschten Papieren auf den Weg in die Slowakei machten, um zu fliehen, wurde dem Mädchen langsam bewusst, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Das Versprechen ihrer Mutter, sie und ihr Bruder würden nachkommen, war die Hoffnung, die Eva durch Tage und Nächte der Flucht und des Lebens bei verschiedenen Pflegefamilien begleitete.

Mitte September 1944 wurde Eva Szepesi gemeinsam mit ihrer Pflegefamilie zuerst in das Sammellager Sered und später nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Nicht genug, dass Eva bereits alle Angehörigen verloren hatte und mutterseelenallein die Hölle von Auschwitz betrat, das einzige, was ihr geblieben war, wurde ihr nun auch noch genommen: Ihre Puppe Erika, ihre geliebte, von ihrer Mutter gestrickten blauen Wolljacke und ihre geliebten Zöpfe. Aber Glück spielte eine bedeutende Rolle im Leben der damals 12-jährigen, denn am Tag ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau fanden keine Selektionen statt. Während der Registrierung flüsterte ihr eine Aufseherin der SS zu, sie solle sich für 16 ausgeben. Dass ihr dieser Rat das Leben gerettet hatte, erfuhr sie erst viel später.
Zu ihren Aufgaben im Lager gehörten Ziegelsteine schleppen, Kieselsteine sammeln oder auch Munition mit einem Tuch säubern. Bereits ohne die täglichen Misshandlungen, das stundenlange Appellstehen bei Eiseskälte barfuß in Holzpantinen, die Erfrierungen an Händen, Füßen und Ohren, den Hunger, die miserablen hygienischen Bedingungen und viele weitere Faktoren, wäre die Arbeit für ein 12-jähriges Mädchen schon zu viel gewesen. Aber so ist es nur erstaunlich, dass Frau Szepesi Auschwitz überlebt hat. Und wieder war das Glück auf ihrer Seite. Als das Lager von der SS geräumt wurde, um die Todesmärsche anzutreten, wurde sie für tot gehalten und zwischen Bergen von Leichen zurückgelassen. Deshalb überlebte sie und kam nicht noch in letzter Minute auf den Todesmärschen um. Nach der Befreiung durch die Rote Armee wurde sie in einem Lazarett versorgt und konnte sich langsam erholen.
Am 18. September 1945 kehrte Eva Szepesi nach Budapest zurück, wo sie auch ihre Tante und ihren Onkel wieder traf – die neben einer weiteren Tante einzigen Überlebenden in ihrer Familie - die sie sofort aufnahmen.

 

Es ist erschütternd, diese grausamen Verbrechen aus der Perspektive eines Kindes zu hören und für uns kaum vorstellbar, wie Frau Szepesi sich gefühlt haben muss. Seitdem ist sie schon öfter zurückgekehrt, denn einen Friedhof, um ihrer Familie zu gedenken, hat sie nicht. Jahrzehntelang konnte sie nicht über ihre Erfahrungen sprechen, nicht einmal mit ihrem Mann und ihren Kindern. Sie habe diese Zeit einfach verdrängt, um ein normales Leben führen zu können. „Mir hat die Liebe sehr gefehlt“, antwortete sie auf die Frage eines Schülers, wie sie sich in der Zeit nach der Befreiung gefühlt hatte.
Nach der Geschichte Eva Szepesis hatten viele Schüler Fragen, die sie der Auschwitz-Überlebenden stellen wollten. Denn das Privileg, mit einer Zeitzeugin sprechen zu können, werden wir nach nun schon 75 Jahren leider nicht mehr sehr lange haben.
Obwohl sie seitdem persönlich im Alltag keinen Antisemitismus mehr erlebt hat, empfinde sie das noch heute aktuelle Thema Antisemitismus und Ausgrenzung als erschreckend. Auf die Frage, wie man Angriffe, ob verbal oder körperlich, verhindern könne, rät sie: „Man kann es versuchen, mit Vernunft und mit Liebe.“ Sie wies darauf hin, dass Ausgrenzung im Kleinen beginne – Mobbing auf dem Schulhof beispielsweise.

Viele Schülerinnen und Schüler stellten der Zeitzeugin ihre Fragen

 

Da wir an unserer Schule auch eine Auschwitzfahrt für den E-Jahrgang anbieten, wurde Frau Szepesi außerdem gefragt, ob sie denke, alle Schüler sollten einmal nach Auschwitz gefahren sein. Sie meint, dass dies einem Zwang gleichkäme, denn nicht jeder Schüler interessiert sich für das Thema oder würde dem Ort den Respekt erweisen, der ihm und den ermordeten Juden gebührt. „Zwingen ist nicht richtig, [...] man soll es wollen.“
Auch die Frage nach ihrem Glauben kam auf, da sie in verschiedenen slowakischen Familien untergekommen war. „Er hat gebröckelt“, sagte sie, „Wie konnte der liebe Gott das zulassen?“. Sie sei bis heute unentschlossen, ob sie wirklich gläubig ist, feiere aber trotzdem religiöse Feste mit ihrer Familie.
Die Schüler interessierten sich außerdem für das schlimmste Erlebnis der Zeitzeugin. Als dieses beschreibt sie die Bestrafungen der Häftlinge, deren Flucht nicht gelungen war. Dabei wurden diese verstümmelt und vor den Mithäftlingen bestraft.
Nach all diesen Erlebnissen fragte die Schülerschaft sich auch, was Eva Szepesi einem Täter sagen würde, wenn sie ihn wieder treffen könnte. „Wie konnten Sie so etwas machen, so etwas Unmenschliches? Haben Sie kein Herz?“ sagt sie ruhig, denn einem Täter mit Hass zu begegnen sei falsch.
Für uns ist es unmöglich vorstellbar, was Frau Szepesi durchmachen musste. Doch ihre Erinnerungen bringen uns die Geschichte näher als es ein Geschichtsbuch jemals könnte.
Glück spielte eine bedeutende Rolle im Leben von Eva Szepesi. Glück, dass am Tage der Ankunft in Birkenau keine Selektion stattgefunden hat, Glück, dass sie im letzten Zug das Sammellager Sered verlassen hat, Glück, dass sich fremde Familien fanden, die eine 12jährige wie ein eigenes Kind aufgenommen haben und Glück, nicht auf den Todesmarsch geschickt worden zu sein, weil man dachte, Evas Szepesi sei tot.

Die sechs Schülerinnen, die im letzten Herbst an der Gedenkstättenfahrt
nach Auschwitz teilgenommen haben,
entzünden 6 Kerzen für die 6 Millionen ermordeten Juden

 
Es war eine Ehre, sie an unserer Schule begrüßen zu dürfen und ihre Geschichte zu hören. Nun liegt es an uns, diese weiterzutragen und sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, damit sich ein Ereignis wie der Holocaust niemals wiederholt.

Karina Wagner, Q1a


Rede zum Holocaust-Gedenktag 27. Februar 2020 von Frau Finke-Schaak

Geschichtslehrerin A. Finke-Schaak
 

Auch ich möchte all unsere Gäste herzlich willkommen heißen, und ganz besonders natürlich Sie, liebe Frau Szepesi,
Heute begehen wir am OGT zum sechsten Mal den Holocaust-Gedenktag. Aber in diesem Jahr begehen wir den Holocaust-Gedenktag am 27. Februar also genau einen Monat später, weil Frau Szepesi am eigentlichen Holocaust-Gedenktag mit ihrer Familie in Auschwitz war – um dort am Marsch der Lebenden teilzunehmen. Frau Szepesi ist eines der 400 Kinder, das Auschwitz überlebt hat.
Frau Szepesi, Sie sind 1932 in Ungarn geboren und kamen im Alter von 11 Jahren nach Auschwitz. Sie haben als einzige Ihrer Familie überlebt. Am Tage der Befreiung waren Sie, Frau Szepesi, 12 Jahre alt. Sie selbst beschreiben Ihre Befreiung so: “Ich war 12 und lag kraftlos auf der Pritsche zwischen Leichen.“ Man hielt Sie für tot, das hat Sie gerettet. Heute sind Sie 87 Jahre alt und haben nicht den weiten Weg aus Frankfurt zu uns gescheut.
Am 6. Dezember 2019 besuchte unsere Bundeskanzlerin zum ersten Mal Auschwitz. Sie sagte: "Heute hier zu stehen und als Bundeskanzlerin zu Ihnen zu sprechen, fällt mir alles andere als leicht. Ich empfinde tiefe Scham". Vor den "barbarischen Verbrechen" müsse man "eigentlich verstummen. Und dennoch: Schweigen darf nicht unsere einzige Antwort sein. Wir müssen uns an die Verbrechen erinnern." Einer aktuellen (YouGov) Meinungs-Umfrage zufolge findet mehr als jeder Fünfte in Deutschland, der Holocaust spiele in der deutschen Erinnerungskultur eine zu große Rolle. Bei AfD-Wählern ist es jeder Zweite, der ein Zuviel an Gedenken und Erinnerung an den Holocaust sieht. Wie kann es dann aber wieder zum Erstarken des Antisemitismus in Deutschland kommen, wenn wir doch scheinbar zu viel Erinnern??
Josef Schuster ist der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und er ist Arzt. Er begleitete die Bundeskanzlerin nach Auschwitz. In einem Interview des Spiegels vom 14.12.2019 wurde Herr Schuster gefragt, er als Internist kenne sich mit Impfungen aus. Welches sei seiner Meinung nach der beste Wirkstoff gegen Antisemitismus? Er antwortete: Die Impfung mit Bildung. Wir stehen hier heute in einer Schule. Ich stehe hier als Geschichtslehrerin. Viele Jahre nach dem Krieg gab es nur wenig Erinnerung an das Geschehene, aber es gab Verdrängung. In den ersten Schülergenerationen nach dem Krieg hörte der Geschichtsunterricht nach der Weimarer Republik auf. Meine neun Jahre ältere Schwester hat beispielsweise nie in der Schule über den Holocaust gesprochen und nie den Nationalsozialismus als Unterrichtsthema behandelt. Die Tätergeneration hat geschwiegen – aus Scham - aus Verdrängung. Aber auch die Opfer haben geschwiegen – zu traumatisch war das Erlebte – zu groß die Scham überlebt zu haben. So ging es auch unserem Ehrengast Eva Szepesi. Sie hat 50 Jahre lang geschwiegen, nicht einmal mit ihren Kindern und auch nicht mit ihrem Ehemann hat sie über das Grauen sprechen können.
Im Dezember 1994 klingelte bei Ihnen, Frau Szepesi, das Telefon. Sie wurden von einer Mitarbeiterin der von Steven Spielberg gegründeten Shoa-Foundation angerufen. Diese Shoa-Foundation hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf der ganzen Welt nach Holocaust-Überlebenden zu suchen und mit ihnen für die Nachwelt Interviews durchzuführen. Nun wurden Sie gefragt, ob Sie zu einem solchen Interview bereit wären. Diese Anfrage hat dann ihr Leben auf den Kopf gestellt. Sie haben zwar zunächst ein solches Interview abgelehnt, dann aber wurden sie im Jahre 1995 ein zweites Mal angerufen und eingeladen anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers  Auschwitz nach Polen zu reisen. Dieser Anruf brachte, wie sie selber sagten, alles in Ihnen in Aufruhr, Noch einmal die Hölle betreten … Sie erbaten sich Bedenkzeit – Ihre Töchter spürten, dass es wichtig sei, sich seiner Vergangenheit zu stellen. So betraten Sie mit ihren beiden Töchtern am 27. Januar 1995 die Gedenkstätte Auschwitz. Ein Tor war aufgestoßen worden. Sie beendeten Ihr Schweigen.
Wir wissen aus der Traumaforschung, dass sich nicht bearbeitete Taumata in die nächste Generation weitervererben – das ist auch in der Familie Szepesi passiert. Ihre Tochter sagte: „Ich hatte eine schöne Kindheit, aber da war auch immer diese Schwere. Ich habe nachts von Auschwitz geträumt, obwohl meine Mutter nichts erzählt hat, aber ich hatte ja diese Nummer auf dem Unterarm meiner Mutter jeden Tag vor Augen.“ Ignaz Bubis, der von 1992 bis zu seinem Tod 1999 der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland war, sagte in einem Interview auf die Frage, warum es den Holocaust-Überlebenden so schwer fiel, über das Erlebte zu sprechen: „Wie konnten wir unseren Kindern erzählen, dass wir uns so würdelos gemacht haben.“
Zuviel Erinnerung? Oder zu wenig??
Wir alle kennen Jugend musiziert, Jugend forscht oder Jugend trainiert für Olympia. Unsere Schule – das Ostsee-Gymnasium Timmendorfer Strand – hat sich auf ihre Fahnen geschrieben Jugend erinnert. Wir finden nicht, dass es ein Zuviel an Erinnerung gibt – im Gegenteil. In Zusammenarbeit mit unserer Nachbarschule, der Cesar-Klein-Schule bieten wir eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz an. In dem Film, der von dieser Gedenkstättenfahrt gedreht worden ist, sagt eine Schülerin als sie in Auschwitz war: „Wie viele Menschen sind hier gestorben, die hätten alle noch so ein tolles Leben vor sich gehabt.“  

Ronald S. Lauder, seit 2007 der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, war einer der Redner heute vor einem Monat in der Gedenkfeier in Auschwitz – Frau Szepesi hat ihn gehört. Er sagte u.a. „Es gibt noch einen Teil der Auschwitz-Geschichte, über die nie jemand spricht. Als die Überlebenden von diesem Nazi Albtraum befreit wurden, haben sie niemals nach Rache getrachtet. Sie haben ihre Mütter und Väter verloren. Ihre Schwestern und Brüder. In viel zu vielen Fällen haben sie ihre Ehefrauen und ihre Kinder verloren. Und trotz alledem ist kein einziger Deutscher als Vergeltungsmaßnahme von einem Juden getötet worden. Kein einziger.“
Ganz im Gegenteil, Israel streckt die Hand zur Versöhnung aus. Am 22. Januar 2020 reiste Bundespräsident Steinmeier nach Israel und wurde von Präsident Rivlin empfangen. Dort schrieb er ins Gästebuch: „Mit Dankbarkeit und Demut ergreife ich die Hand, die meinem Land und mir mit der Einladung zum World Holocaust Forum als Zeichen der Versöhnung gereicht wird.“ Präsident Steinmeier und Israels Präsident Rivlin haben die Tage des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz zusammen verbracht. Sie sind gemeinsam von Auschwitz nach Berlin geflogen, wo beide dann auch im Deutschen Bundestag während der Holocaust-Gedenkstunde sprachen. So sagte Steinmeier:
„Dank schulde ich auch Ihnen, verehrter Herr Staatspräsident (Rivlin): Dank dafür, dass ich vor wenigen Tagen in Yad Vashem als Vertreter Deutschlands das Wort ergreifen durfte, dafür, dass ich an Ihrer Seite sein durfte, als wir in Auschwitz der Befreiung gedacht haben, und auch dafür, dass wir von Auschwitz zusammen nach Berlin gekommen sind, um heute hier im Deutschen Bundestag zu sprechen.“
Steinmeier war das erste deutsche Staatsoberhaupt, das in Yad Vashem sprechen durfte. Vor Staats- und Regierungschefs von fast 50 Ländern sagte er: „Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt. Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten. Das kann ich nicht sagen, wenn jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden. […] Das kann ich nicht sagen, wenn nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Massaker, ein Blutbad anrichtet.“

Und nun im Jahre 2020 müssen wir da zu dem Fazit kommen, dass wir nichts gelernt haben. Die Geschehnisse in Halle - die Geschehnisse in Thüringen – und jetzt auch die Geschehnisse in Hanau haben uns alle fassungslos gemacht. Frau Merkel bezeichnete die Ereignisse in Thüringen als „unverzeihlichen Vorgang“, nach Hanau sprach sie davon dass Rassismus ein Gift sei, dass Hass ein Gift sei. Lernen wir nicht aus der Geschichte? Wenn das so wäre, müsste ich meinen Beruf aufgeben. Aber das will ich nicht. Ich gebe nicht auf, ich schließe mich Herrn Schuster an, der von Impfung durch Bildung spricht. Ich möchte in einer Schule arbeiten, die auch das Motto Jugend erinnert in ihr Schulprogramm schreibt.

Herr Knebel, Geschichtslehrer an der Cesar-Klein-Schule, und ich fahren im Herbst mit 20 Schülerinnen und Schülern zur Gedenkstätte nach Auschwitz. Dort und in anderen Konzentrationslagern haben Deutsche versucht, die Häftlinge zu entmenschlichen, zu Nummern zu machen, ihnen ihre Identität wegzunehmen.
Den Juden ihre Identität wegzunehmen, sie zu Nummern zu degradieren, das war das erklärte Ziel der Nazis. Wir wollen nicht, dass dieses Ziel erreicht wird. Unsere diesjährige Gedenkstättenfahrt werden wir zwei jüdischen Lübecker Jugendlichen – Hanna und Herrmann Mecklenburg – widmen und ihnen  ihre Identität zurückgeben. Wie werden wir das machen? Wir werden deren Weg nachgehen, von Lübeck nach Auschwitz. Wir werden ihnen in der Projektwoche in Zusammenarbeit mit einem Lübecker Bildhauer ein Erinnerungsmal bauen. Wir wollen keinen Schlussstrich ziehen. Wir wollen mahnen und erinnern.
Am 6. Februar 2020 waren Sie, liebe Frau Szepesi mit ihrer Tochter Anita zu Gast in der Sendung Markus Lanz. Ihre Tochter wurde von Markus Lanz gefragt, mit welchen Gefühlen sie das sehe, was da gerade in Thüringen passiert sei. Daraufhin antwortete Ihre Tochter. „Total erschreckend. Es hat mir die Luft weggerissen zum Atmen. Vor einer Woche war ich in Auschwitz mit meiner Mutter, zusammen mit über 120 Überlebenden und deren Familien. Alle Politiker dort redeten von Nie wieder – es darf nie wieder geschehen und dann passiert das gestern, die Geschichte in Thüringen!“ Daraufhin fragte Markus Lanz: „Wie erklären Sie sich das?“ Daraufhin sagte Ihre Tochter Anita: „Ich höre immer wieder, dass Leute sagen, Ihr tut das alles so überbewerten mit der AfD – deswegen ist es so wichtig, dass meine Mutter in Schulen geht, deswegen sitzen wir heute Abend hier.“ Ja, deswegen sitzen wir heute in der Aula des Ostsee-Gymnasiums Timmendorfer Strand, um Ihnen, liebe Frau Szepesi, gleich zuzuhören.

Andrea Finke-Schaak, 27. Februar 2020

Hier finden Sie den Veranstaltungsbericht der LN bzw. des Wochenspiegels:

Lübecker Nachrichten Artikel 1, Lübecker Nachrichten Artikel 2 , Artikel Wochenspiegel


Bildergalerie der Schulveranstaltung


Bildergalerie der Abendveranstaltung und des Radiobeitrags


Holocaust-Gedenktag am OGT 2019

Holocaust-Gedenktag am OGT 2019
Am 01.02.2019 besuchte der 85-jährige Jurek Szarf das Ostsee-Gymnasium Timmendorfer Strand bereits zum wiederholten Mal. Er hat den Holocaust überlebt und ist leider nur noch einer der letzten Zeitzeugen, weshalb wir, die Schüler des Q1 und Q2 Jahrgangs, uns besonders geehrt fühlten, an den Erzählungen von Jurek Szarf teilnehmen zu dürfen.

Israelische Holocaustüberlebende berührt mit ihrer bewegenden Geschichte

Als die Geschichtslehrerin und Koordinatorin des Holocaust-Gedenktages am OGT, Andrea Finke-Schaak, mit dem Vorschlag, auch eine Abendveranstaltung mit dem Ehrengast aus Israel für alle interessierten Bürger anzubieten, an Hatice Kara, Bürgermeisterin der Gemeinde Timmendorfer Strand, herantrat, war diese sofort von der Idee hellauf begeistert. Auf der Suche nach einem würdevollen Veranstaltungsort war die denkmalgeschützte Rotunde im Herzen der Gemeinde schnell ausgewählt. Eine Sorge bereitete der Bürgermeisterin aber Bauchschmerzen. „Es ist unwürdig, unseren Gast zwar ein schönes Ambiente, aber womöglich leere Stuhlreihen zu bieten“, so Frau Kara. Diese Sorge stellte sich als völlig unbegründet heraus. Die Trinkkurhalle brach aus allen Nähten, Stühle wurden herangeschleppt, sogar ein Geschichtsleistungskurs war mit seiner Lehrerin mit dem Nachtzug aus Donaueschingen angereist, um Sara Atzmon, Überlebende der Shoa, hören zu können.

Holocaust-Gedenktag am OGT 2018

Holocaust-Gedenktag am OGT 2018 

„Unrecht ist wie Feuer. Ersticke es im Keim und es kann sich nicht ausbreiten!“ Mit dieser zentralen Botschaft hat am 1. Februar die Holocaustüberlebende Sara Atzmon in Begleitung ihres Mannes Uri Atzmon im Rahmen des Holocaustgedenktages zu uns gesprochen. Aus Israel angereist, schilderte Sara Atzmon uns in einem beinahe 90-minütigen Vortrag ihre Geschichte, ihr Schicksal zur Zeit des Nationalsozialismus.

Dass dies kein Einzelschicksal war, wurde bereits ganz am Anfang der Veranstaltung deutlich, als von sechs Schülern stellvertretend für die sechs Millionen ermordeten Juden sechs weiße Kerzen entzündet wurden. Es war ein Moment der Stille, ein besonderer Moment. Auch heute kann ich die Zahl sechs Millionen nicht greifen, zu unwirklich scheint sie mir.

Wenn ich nun, zwei Wochen danach, meine Mitschüler frage, was bei Ihnen am meisten hängen geblieben ist oder sie nach wie vor beschäftigt, so erzählt mir jeder eine andere Geschichte.

Auch ich denke mit unterschiedlichen Gefühlen an die Erzählungen von Frau Atzmon zurück.