Werner Kraft, 9. August 1933 

Remember

Raphael, Q1-Jahrgang, OGT

Auf meiner Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz ist mir ein Satz immer wieder durch den Kopf gegangen – ein Satz, über den ich schon am ersten Tag unserer Reise im Jüdischen Museum in Berlin gestolpert war: „Welch eine Hölle ist in Deutschland.

Diese Worte stammen von Werner Kraft, einem deutsch-jüdischen Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Bibliothekar. Er schrieb sie am 9. August 1933 in sein Tagebuch, nur wenige Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

 

Kraft gehörte zu den Menschen, die sehr früh erkannten, was in Deutschland geschah. Als Jude und Intellektueller erlebte er, wie sein Land sich Schritt für Schritt in eine Diktatur verwandelte. 1933 musste er fliehen – erst nach Paris, später nach Palästina, das heutige Israel. Ich interpretiere seine Worte nicht als politisches Statement, sondern als Schrei. Als Ausdruck von Verzweiflung, von Entsetzen und von tiefer Traurigkeit über das, was aus seinem Heimatland geworden war.

 

Als ich diesen Satz gelesen habe, hat er mich sofort berührt. Nur sechs Worte – und doch steckt darin eine ganze Welt. Für mich beschreibt dieser Satz nicht nur die äußeren Zustände jener Zeit, sondern auch die Gefühle vieler Menschen. Die Angst, die Sprachlosigkeit, das Entsetzen darüber, dass die Menschlichkeit verschwindet. „Welch eine Hölle ist in Deutschland“ – das ist nicht einfach eine Beobachtung, sondern ein Gefühl, das man beinahe körperlich spürt, wenn man sich mit der Geschichte beschäftigt.

In Auschwitz habe ich diesen Satz dann nämlich selbst gespürt – diesmal ganz real. Wenn man dort steht, zwischen den Baracken, den Ruinen der Krematorien, den alten Gleisen, den Gaskammern, dann wird einem klar, dass die Hölle, von der Werner Kraft sprach, kein Bild war. Sie war Wirklichkeit. Sie hatte Namen, Gesichter, Geschichten. Menschen, die gehofft, geliebt und gelebt haben – und deren Leben ausgelöscht wurden, weil andere entschieden, sie seien weniger wert. Ich glaube, genau das macht dieses Zitat für mich so stark. Es erinnert daran, dass das Unvorstellbare nicht plötzlich geschieht. Die „Hölle“ begann nicht in Auschwitz, sondern viel früher – in Gedanken, in Worten, in der Gleichgültigkeit der Menschen, die wegsahen.

 

Für mich bedeutet dieses Zitat auch eine Verpflichtung. Es erinnert mich daran, dass wir alle heute die Verantwortung dafür tragen, dass sich so etwas niemals wiederholt. Es geht nicht nur darum, an das Leid der Opfer zu erinnern, sondern auch darum, aus der Geschichte zu lernen. Hass, Ausgrenzung und Vorurteile fangen immer im Kleinen an.

 

Wenn ich an Werner Kraft denke, denke ich an jemanden, der früh den Mut hatte, die Wahrheit zu sehen – und dafür sein Zuhause verlor. Und wenn ich heute seine Worte lese, spüre ich, dass sie auch an uns gerichtet sind. Sie fordern uns auf, hinzusehen, mitzufühlen, zu handeln. Das beginnt schon im Kleinen, wenn wir uns gegen Diskriminierung auflehnen und eben nicht wegsehen. Wenn wir Zivilcourage beweisen und uns eben auch mal einmischen, wenn wir Unrecht sehen. Wenn wir Empathie zeigen und versuchen, Menschen zu verstehen, anstatt sie zu verurteilen. Und wenn wir uns informieren und unser Wissen an die nächsten Generationen weitertragen. Denn die Hölle, von der er sprach, darf nie wieder Wirklichkeit werden.